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Jutta Willutzki // Justus Wertmüller - 24.04.2004
Das Herz der Selbstverwaltung
Die Rote Flora und die Hamburger Verhältnisse –
eine überfällige Abrechnung

Redebeitrag auf der Demonstration "Flagge zeigen: Für Israel!"

Was hat die Rote Flora, vor der wir jetzt stehen, mit der Hamburger Staatsoper zu tun? Nichts, werden uns die Betreiber, dieses autonomen und garantiert selbstverwalteten Kulturzentrums zurufen, aber schon gleich gar nichts!!! Wieso aber kommt die Rote Flora als Schauplatz in einer Operninszenierung vor, die gerade jetzt auf dem Hamburger Spielplan steht? Nein, das ist kein Scherz. In der Neuinszenierung der bald 300 Jahre alten Oper, „Der lächerliche Prinz Jodelet“ des Hamburger Barockkomponisten Reinhard Keiser erscheint die Rote Flora, als von Juppies und Spekulanten bedrohter Hort nichtangepaßter, alternativer Lebenswelt. Daß in der gleichen Inszenierung George Bush in der Rolle eines grausamen asiatischen Despoten auftritt, dem Schröder und Chirac als speichelleckende Hofschranzen zu Füßen liegen, komplettiert das Bild. Sie sind sich über alles Trennende hinweg einig: Die als Pfeffersäcke gescholtenen sogenannten Spießer, die in die Oper gehen und die Struppies und Junkies, die Bauwagenbewohner und vegangen Lebensreformer, die „Szene“ also, die sich vor und in der Flora einfindet. Sie hassen Amerika, haben mehr oder weniger klammheimlich ihrer Befriedigung über die Anschläge vom 11. September 2001 Ausdruck gegeben, und letztes Jahr, waren sie – wenn auch in verschiedenen Blöcken – gemeinsam auf den Hamburger Friedensdemos vertreten.

Die von der Flora hassen natürlich die Operngänger, wie Deutsche einander hassen: aus Neid und größenwahnsinnigem Überlegenheitsgefühl. „Poor is beautiful“, sagen sie, „eat the rich“ sprühen sie, aber insgeheim hoffen sie auf Anerkennung und späten Erfolg. Erfolg beim Staat mit ihren alternativen Projekten, die wie das FSK auf Staatskohle lauern; Erfolg mit ihren stümperhaften Bands oder als noch stümperhafterer DJ oder DJane; Erfolg als bildender Künstler mit politischem Anspruch wie jener Hamburger, der gerade seine antisemitischen Plakate geklebt hat, auf denen Ariel Scharon im Visier eines unbekannten Scharfschützen abgebildet ist. Andere suchen, wiederum rund um die Flora, ihre Chance als alternative Drogen-Sozialarbeiter, oder sie dienen sich als Quartiersmanager an für ein gedeihliches Miteinander im Schanzenkiez: Tante Emma vom entsprechenden Laden, die von der Konkurrenz der Kaufhausketten bedroht um ihr Überleben kämpft, Seit’ an Seit’ mit dem Junkie von um die Ecke und dem ebenfalls um sein Überleben kämpfenden türkischen Gemüsehändler. Daß manche Tante Emma vielleicht ja aus Tradition Nazi ist und deshalb das Großkapital haßt; der Gemüsehändler mit einiger Wahrscheinlichkeit Mitglied von Milli Görüs oder einem anderen Verein zur Verbreitung einer besonders gewaltfreien und toleranten Religion ist, und schon deshalb seine Töchter unters Kopftuch und in die Koranschule zwingt, daß der Junkie schließlich möglicherweise der Gesundheit seiner Kunden gar nicht so zuträgliche Geschäfte mit ziemlich verschnittenem Heroin macht, das sind die kleinen Widersprüche über die man nicht so gerne redet in der Flora und überhaupt in der Schanze. Den Milli-Görüs-Gemüsehändler einen Faschisten zu nennen wäre jedenfalls eine rassistische Untat weißer deutscher Männer, das weiß man in der Flora. Tante Emma eine üble Nazitante zu schelten, wäre eine grobe Vorverurteilung und würde leugnen, daß man ja selber der Enkel der Nazigeneration ist. Man weiß ja: Als Deutsche müssen wir alle mit dem Nationalsozialismus in uns selbst ins Reine kommen, bevor wir andere besserwisserisch und heuchlerisch vorverurteilen. Das ist eine selbsttherapeutische Lebensaufgabe. Fachliteratur dazu erscheint im Unrast-Verlag und kann in der Schanzenbuchhandlung käuflich erworben werden. Und einen Junkie einen genauso abhängigen wie abhängig machenden Kleinkapitalisten zu heißen, der an Skrupellosigkeit den Getränkegroßmarkt um die Ecke noch toppt, dessen Verkäuferinnen den ganz betrunkenen Kunden nämlich erst mal keinen neuen Stoff geben, das verbietet sich.

In der Flora trifft sich, wer prima Radiosendungen aus dem Freien Sender Kombinat hört und arabische bzw. andere antiimperialistische Antisemiten vor deutschen weißen Männern schützt; in die Flora geht, wer sich regelmäßig mit Lektüre aus der Schanzenbuchhandlung eindeckt, also esoterische, Transgender- und antisemitische Literatur über Palästina liest; in der Flora erhält Hausverbot, wer, wie jener Berliner Antifaschist, dessen Steckbrief in der nicht nur Hamburger „Szene“ weitergereicht wird, ziemlich unbeherrscht einem erst 16jährigen linken Antisemiten eine Maulschelle verpaßt hat. Gern gesehener Gast dagegen ist, wer im FSK antisemitische Sendungen ausstrahlt und – verstärkt um etliche Gesinnungsgenossen – einem Kritiker aufgelauert und zusammengeschlagen hat.

Das Unheil, das von der Flora ausgeht, ist ihr ganzer Stolz: Die Selbstverwaltung. Die ist von den vielbeschworenen subkulturellen und radikaloppositionellen Lebensentwürfen nicht zu trennen. Die Selbstverwaltung deutscher Linker in ihren sogenannten Freiräumen reproduziert unablässig das, wogegen wir mit dieser Demonstration protestieren: Die Hamburger Verhältnisse, den latenten und immer häufiger offen propagierten linken Antisemitismus. Sich von der Gesellschaft scheinbar extrem abzugrenzen, bedeutet unmittelbar und schrankenlos zu reproduzieren, was sie im innersten ausmacht. Die Flora ist der Musentempel der linksradikalen Lebensreformbewegung. Die beginnt in der Volxküche, setzt sich fort im Bekenntnis zu veganer Ernährung, feiert in der Wagenburg das Elend der Obdachlosigkeit als selbstbestimmten Gegenentwurf zum Spießertum und wendet sich gegen den einigenden Feind in der Schanze und in der Welt. Der ist wurzellos, plutokratisch, bellizistisch, und in jedem Fall ein weißer Mann. Er heißt George Bush genauso wie Ariel Scharon. Er heißt Axel Cäsar Springer, weil man sich noch nicht traut, Paul Spiegel zu sagen. Gegen ihn zieht man zu Felde, – meist symbolisch, weil er nicht greifbar ist. Ausnahmsweise aber ganz handfest, wie am 31. Januar dieses Jahres. Wer in dieser Gemeinschaft sich nicht an den Kommers hält, bekommt die ganze Bande an den Hals. Wer grundsätzliche Zweifel am Sinn solcher Lebensentwürfe äußert, wer einfach denunziert, was offen zu Tage liegt, nämlich deutsche Innerlichkeit, Identitätswahn, hohler Antiimperialismus, also schlicht: Zivilisationsfeindschaft, der bekommt aufs Maul. Jetzt heißt es, wir seien total undifferenziert. In der Flora gebe es auch Leute, die Antisemitismus echt schlimm finden. Mag sein. Nur: den Antisemitismus des arabischen und des deutschen antiimperialistischen Genossen, den wollen sie nicht sehen. In der Flora seien fast alle, von den Selbstverwaltungsgremien bis zum letzten Konzertgast dagegen gewesen, daß am 31. Januar Freunde Israels angegriffen wurden. Schon möglich. Nur: Nationalfahnen auf linken Demos finden sie alle reaktionär und emanzipationsfeindlich, irgendwie hierarchisch und autoritär.

Und die Besucher der Staatsoper, die die Neuinszenierung von Reinhard Keisers hübscher Oper, die jetzt als No-Global-Spektakel über die Bretter geht, so toll finden? Was unterscheidet die eigentlich von den Flora-Ich-AGs? Nur eines: Sie möchten ihren Kaffee gerne nicht vor, geschweige denn in der Flora trinken, sondern auf der Sonnenseite der „Piazza“, also gegenüber. Sie wollen nicht mit Bauwagenbewohnern tauschen, aber sie bewundern diese unangepaßten Tierschützer, die Menschen nicht leiden können, irgendwie schon. Die Flora nämlich steht für Utopie in Deutschland. Fürs unmittelbare Leben, für den Schrei nach Geborgenheit, für das Ende von Konsumterror und Fremdestimmung. Ein Selbstverwaltungsprojekt wie die Flora steht als Zeichen für den kollektiven Wunsch nach allgemeiner Selbstverwaltung in ganz Deutschland drohend vor Augen. Vergessen wir nie: Den Nationalsozalismus hat nicht Adolf Hitler allein erfunden. Am Anfang stand die Lebensreformbewegung: Gegen Kapitalismus und das böse Geld, gegen Großststädte, gegen Dekadenz, gegen den Fleischkonsum. Dafür aber für Natur, für keusche, garantiert unerotische Freikörperkultur, für Lagerfeuer und selbstgemachtes Liedgut. Daß Juden zu solchen Vereinen keinen Zutritt hatten, dürfte noch in Erinnerung sein.

Jutta Willutzki (Antideutsche Gruppe Hamburg) und Justus Wertmüller (Bahamas)


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