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Ralf Schröder - 24.04.2004
Flagge zeigen!
Redebeitrag auf der Demonstration "Flagge zeigen: Für Israel!"

Vorgeschichte

Schon seit Monaten drohte der Streit darüber, ob auf antifaschistischen und linken Bündnisdemonstrationen israelische Fahnen oder die Fahnen der westlichen Alliierten mitgeführt werden dürfen, zu eskalieren.
Dabei hätten wir es schon lange wissen können: es kann keine linken Bündnisse mehr geben, auf die wir uns sinnvoll beziehen können. Der Beweis wurde in Hamburg am 31. Januar 2004 angetreten: Ein paar blauweiße Fahnen mit dem Davidstern, getragen auf einer Demonstration gegen Rechtsextreme, führen zum zu erwartenden Eklat: Antisemitisches Gebrüll leitet den Sturm auf Flaggen und Flaggenträger ein, die Fahnen Israels sollen zu Boden gehen. Die Täter sind keine Neonazis. Es sind deutsche Antifaschisten. Die Rufe „Mörder, Mörder!“, „Intifada!“ und auch „Juden raus!“, die man, wie die Gruppe Bad Weather zu recht in ihrem Basisbanalitäten-Papier anmerkt, zum gleichen Anlaß auch beim Naziaufmarsch hören konnte, blieben von der Mehrheit der Demonstration unbeanstandet.
Nicht daß die bekennenden und prügelnden Antisemiten inzwischen die Mehrheit bei derartigen Veranstaltungen stellen würden. Aber es existiert der Konsens, eine zu eindeutige und zu unmißverständliche Solidarität mit Israel – die an den Fahnen Israels festgemacht werden kann – mit allen Mitteln zu verhindern. Dieser Konsens trägt von den Antiimps bis zu den Vertretern einer – dann praktisch nicht existenten – „kritischen Solidarität“ mit Israel, von Attac bis KP Berlin, von Analyse und Kritik bis Jungle World, Konkret und Phase2. Die beschworene Formel lautet: Nationalfahnenverbot. Sie meint: Israel.

Der Skandal, der keiner ist

Was ist, nach den Vorfällen vom Januar, das Thema innerhalb der Linken, die sich immer „kritisch israelsolidarisch“ wähnen? Nicht der Bruch mit dem antisemitischen Mob in den eigenen Bündnissen und nicht die Kritik an denen, die das Bündnis weiter propagieren. Das Thema ist, zur Unzeit selbst ein Skandal, ob die israelische die richtige Fahne auf linken Veranstaltungen sei.
In den Monatsheften des Herman L. Gremliza, die spätestens seit dem 11. September als Blätter des geläuterten, antiamerikanischen Deutschtums gelten müssen, und die – wie im Falle des Jürgen Elsässer – nur dann ästhetische Grenzen ziehen, wenn der alte neue Antiimp zu pöbelhaft daherkommt, wurden die Ereignisse von Hamburg von Herman the German auf die Formel zusammengedampft: antideutsche Kommunisten sind deutsche Antikommunisten. End of Story. Ich hielte es für falsch, Gremliza damit zu entschuldigen, daß kritische Köpfe eine Halbwertszeit besäßen und Gremliza in persona schon recht fortgeschrittenen Semesters sei. Es gehört zur Würde eines vernunftbegabten Wesens, daß ich ihn auch dann ernst und beim Wort nehme, wenn ich ihn kaum noch ernst nehmen kann.

Identität

Der immer wieder erhobene Vorwurf, mit den Symbolen des jüdischen Staates Identitätspolitik zu betreiben, ist absurd und wird von denen erhoben, die ein notorisch gestörtes Verhältnis zu einem konkreten Antifaschismus haben.
Mit dem Wort der Identität jonglierend, ohne den gemeinten Begriff zu bestimmen, wird dabei aufs Vorurteil gesetzt.
Wir sind keine Israelis. Es ist nicht unser Land. Der Zionismus ist nicht unser Projekt. Soweit die Banalitäten für die, die sie noch einmal aufgezählt bekommen wollen. Unser Begriff von Identität meint aber, sich für etwas, im Sinne eines als richtig und wahr Erkannten, einzusetzen. Dies meint die Aufgabe von Äquidistanz, die zumeist nichts anderes ist als verlogene Neutralität. Dies meint das Parteiergreifen nicht in fremdem, sondern in eigenem Interesse.
Was kann dies praktisch heißen? Israel, historisch und politisch verstanden, ist unser Maßstab des Handelns im Ursprungsland der Shoa. Mehr noch: Wegen der Interessensgleichheit – von der Ablehnung antimoderner und kollektivistischer Tendenzen bis zum Bekenntnis zur Aufklärung als permanenter Aufgabe – ist ein Bündnis mit Israel im eigenen Interesse.
Dabei ist den politischen wie militärischen Fähigkeiten der Israelis zu vertrauen, sie sind sich selbst der beste Schutz vor den aggressivsten Bedrohungen. Unser dirty job ist es, dem dreifachen Elend in Europa, das sich antiwestlich, antimodern und antisemitisch geriert, entgegenzutreten.

Vier gute Gründe

Wenn es darum geht, sich heute positiv auf Israel zu beziehen, für Israel auch praktisch Partei zu ergreifen, so ist eine Diskussion darüber, welche Mittel die geeignetsten sind, sinnvoll und notwendig.
Natürlich geht es nicht darum, daß sich Israelsolidarität im Herzeigen der Fahne erschöpfen kann. Natürlich geht es nicht darum, daß jüdische oder israelische Symbole zum sinnfreien Abziehbild oder Aufnäher einer Pop-Antifa werden. Alles dies steht nicht zur Diskussion und wird zumeist böswillig behauptet.
Für das Herzeigen der Fahne sprechen aber gute Gründe:

Erstens

Diese Fahne ist ein Symbol dafür, daß wir uns als Bündnispartner Israels verstehen, daß der konkrete Einsatz für Israel unsere Aufgabe ist. Diese Fahne dient in besagtem Kontext als eine sichtbare Absage an Bettlaken mit Pace-Schriftzug und ähnliche politische wie ästhetische Grausamkeiten.
Die Fahne Israels wollen wir als Zustimmung dazu verstanden wissen, daß die Juden ihr eigenes Schicksal in die Hände nehmen und sich die Mittel wählen dürfen, die notwendig sind, nicht als permanentes und passives Opfer – so sehr es auch von ihnen erwartet wird – zu dienen.
Wir teilen die Ansicht des amerikanischen Präsidenten, der von seinem demokratischen Herausforderer John Kerry uneingeschränkt geteilt wird: Israel hat das unbedingte Recht, sich zu schützen und sich die notwendigen Mittel dafür selbst zu wählen.

Zweitens

Israels Fahne ist in Anbetracht einer symbolverliebten Linken die wohl eindeutigste Bekundung eines konkreten Antifaschismus. Sie ist ein Zeichen, daß nicht anti-antifaschistisch, nicht in Querfront-Strategien und auch nicht im Rahmen dogmatischer Klassenkampf- respektive Volkstums-Ideologien mißbraucht und entwendet werden kann.
So vieles hat seinen falschen Platz in der Linken: die bekenntnishaften Aufnäher, die Halswickel des palästinensischen Terrors und natürlich Sowjetflaggen, die bestenfalls die revolutionäre Utopie, doch meist nur das Historie gewordene Elend des Moskauer Regimes meinen.
Die Fahne mit dem Davidstern ist eindeutig und meint etwas Konkretes: Israel! Unserer Sympathie gehört uneingeschränkt dem jüdischen Staat, der sich gegen klerikal-faschistische Regimes und Terrorgruppen und gegen die antizionistische EU und UNO zur Wehr setzen muß. Diese Position meinen wir, wenn wir vom ernsthaften, konkreten Antifaschismus sprechen!

Drittens

Im Frühsommer 2003 wurde uns in Berlin der Mietvertrag wegen einer am Balkon befestigten Israelfahne gekündigt. Ein kurzer Beitrag im israelischen Militärrundfunk, nicht mehr als 10 oder 12 Sätze lang, führte in Israel zu einer wahren Flut an eMails an den Sender. Innerhalb von 48 Stunden gab es mehr als 200 Reaktionen der Art „Herzlichen Dank für euren Mut“ oder „Danke, daß ihr zu uns steht“.
Unsere Verwendung dieser Fahne wird von jenen, denen unsere Solidarität gilt, sehr wohl richtig verstanden.
Wer aber meint, das Ungeheuer des Antisemitismus schlafe noch, wird hoffen, daß es nicht aufgeweckt wird. Man verzeihe mir diese schwülstige Allegorie, aber das Ungeheuer braucht kein Schlafmittel. Israel hat am Beispiel der Hamas-Führer gezeigt, wie dieser wehrhafte Staat diese Frage beantwortet. Wir gratulieren den Israelis zu diesen wunderbaren, Sicherheit und Gerechtigkeit schaffenden Erfolgen!

Viertens

Die israelische Fahne zwingt dort zu Entscheidungen, wo sie anstehen, nämlich auch in einer Linken, die sich als antifaschistisch versteht, aber über Floskeln der Art: „Ich habe nichts gegen Israel, aber...“ nie hinauskommt. Damit sind wir bei der Frage, wo der richtige Ort ist für diese Fahne.
Ich behaupte: Überall in Deutschland. Denn überall in Deutschland, quer durch die Gesellschaft, quer durch die politischen Lager und sozialen Schichten wird diese Fahne immer wieder auf Widerspruch stoßen, weil sie genau richtig verstanden wird: als unmißverständliches Zeichen eines konkreten Antifaschismus, der sich an Israel festmacht.
Es gehört damit erst recht einer Linken vorgehalten, bei der die offenen Gegner Israels die Lautesten, die toleranten Bündnishüter die Leisesten sind – und sie zusammen die überwältigende Mehrheit stellen.
Wenn diese Fahne dazu führt, daß der linke Mob tobt und sich antisemitisch outet, denn danken wir für soviel Offenheit: Mit diesem Pack haben wir dann nichts mehr gemein!

Pflichtprogramm

Aufklärung als politisches Programm schließt die Bewußtmachung von Mißverständnissen über sich selbst ein. Ein solches wird im Streit um die israelische Flagge offengelegt. Denn ein nicht geringer Teil der vermeintlich israelsolidarischen Linken hat keine entsprechende politische Praxis und wird dem eigenen Anspruch nicht gerecht. Dabei ist nicht gemeint, daß Flaggezeigen zum Pflichtprogramm erklärt wird.
Aber wenn die Fahne Israels zu Boden geworfen, zertrampelt und verbrannt werden soll, ist sie zu verteidigen. So ist nicht gleich Antisemit, wer nach den Vorfällen von Hamburg immer noch an den alten Antifabündnissen festhalten möchte oder wer tatsächlich über die Fahne und nicht über die Angreifer glaubt diskutieren zu müssen. Aber der Brückenschlag zum antisemitischen Mob, gern als Fähigkeit zum innerlinken Diskurs verniedlicht, scheint wichtiger als eine politische Praxis, die einem moralischen Minimum genügte. So sieht es fast so aus, als stritten linke Antifaschisten mit den Nazis um das Vorrecht auf palästinensische Symbole und Attacken auf die des jüdischen Staates. Diese verkommene Linke perpetuiert ihren Verrat an Aufklärung und Emanzipation.
Das Pflichtprogramm heißt also nicht, die Fahne zu zeigen. Jeder wähle sich seine Mittel. Das Pflichtprogramm aber heißt die Fahne dort zu verteidigen, wo sie angegriffen wird!
Linke Medien

Was treibt heute Zeitschriften wie die Jungle World, einst ehrenhaft in Abgrenzung zum antisemitischen Flügel der jungen Welt gegründet, zum politischen Rollback, zur Aufkündigung der Solidarität mit Israel? Man munkelt, mit Israelsolidarität sei keine Auflage zu machen, man müsse sich dem linken Mainstream nähern. Oder, wie die Konkret vor gut 30 Jahren vormachte, Pin-Up-Girls aufs Cover setzen.
Während in der Mitte der Gesellschaft von deutscher Schuld abgelenkt und die Deutschen als Opfer halluziniert werden, findet am linken Rand ein paralleler Paradigmenwechsel statt: Es werden nicht die Antisemiten in den eigenen Kreisen, sondern ihre schärfsten Gegner zum Problem stilisiert.
Die linksradikale Lächerlichkeit, die sich in Berlin, Hamburg und anderswo als „antifaschistische Szene“ versteht, spricht ganz wie die klassischen Antiimps von „Revanchismus“, „Expansionsdrang“ und „„Imperialismus“ – sie spricht von Israel, den Vereinigten Staaten, ja mit eben diesem Vokabular sogar schon – wie in der letzten Phase2 nachzulesen – von Polen.
So steht dort tatsächlich zu lesem, die polnische Partnerschaft mit den Amerikanern im Irak stütze sich auf eine „imperialistische Außenpolitik“ und „polnische Expansionswünsche“ ein. Polen ginge es doch auch nur um Öl und Rüstungsgeschäfte. Mit dieser so zusammengestauchten, grundfalschen Analyse in leninistischem Jargon ist der Schritt, den Polen die Freundschaft aufzukündigen und die nie praktisch gewordene Solidarität einzustellen, naheliegend. Diesen Schritt haben nicht wenige sogenannte Softcore-Antideutsche, die eigentlich Softcore-Antiimps zu nennen wären, am Beispiel Israels schon hinter sich gebracht.
Man treibt es soweit, den Polen tatsächlich zu unterstellen, das imperialistische Projekt eines Großpolens von Ostsee bis Krim zu verfolgen.
Linke Wahrnehmungsstörungen enden nicht bei Israel.
So wie die Entwicklungen der letzten Monate vom diskustheoretischen Geschwätz in der Jungle World bis zum antisemitisch motivierten Gewaltausbruch am 31. Januar liefen, ist nun klar:
Die deutsche Linke ist grundsätzlich wahrnehmungs- und verhaltensgestört!

Ausblick

Was folgt ist Ernüchterung. Wer es noch einmal gesagt bekommen möchte, spitze seine Ohren: Die klassische Linke, und damit auch die deutsche Antifa, kann kein sinnvoller Bezugspunkt von ernstgemeinter antifaschistischer Politik sein.
Adorno und Horkheimer schrieben zur Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung 1969: Kritisches Denken, das auch vor dem Fortschritt nicht innehält, verlangt heute Parteinahme für die Residuen der Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität, selbst wenn sie angesichts des großen historischen Zuges ohnmächtig erscheint.
Diese Parteinahme meint für uns Israel. Wir dürfen dabei zu Israel kein taktisches Verhältnis haben. Dies meint Parteinahme nicht „im Prinzip“, sondern „aus Prinzip“.

Die Fahne Israels ist ein starkes politisches Statement. Ein unzweideutig antifaschistisches allemal. Lang lebe Israel!

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